Liebe Freunde,

Heute Abend wird die Glocke der Roche d'Or lange Zeit gleichzeitig mit allen Kirchenglocken in Frankreich läuten. Heute Abend werden wir Lampions an unseren Fenstern aufstellen und Fackeln auf den Terrassen entzünden. Die Glocke (Marie-Antoinette, so heißt sie) wird wie in der Osternacht lange läuten. Die Laternen werden lange wie in der Nacht des 8. Dezember brennen. An diesem Fest der Verkündigung werden wir unsere kleinen Lämpchen und die Töne unserer Glocke mit diesen Worten aufladen, die wir eine Zeitlang nicht mehr persönlich verkündigen können: "Habt Vertrauen, ich bin jeden Tag bei euch."
Wie Ihr werden auch wir jeden Abend mit dieser dramatischen Welle der Pandemiebilanz konfrontiert. Die Nachrichten und Bilder, die uns erreichen, enthüllen gleichzeitig Schätze liebender und großzügiger Menschlichkeit und Abgründe von Bewusstlosigkeit und Egoismus. Im Mittelpunkt all dessen steht die Gnade, jeden Tag um 8.30 Uhr im Namen von Ihnen allen die Eucharistie feiern zu dürfen. Natürlich können wir nicht so handeln wie jener italienische Pfarrer, der die Bilder seiner Gemeindemitglieder auf die Stühle der Kirche gestellt hat, in der er allein die Messe feiert. Doch keine Eucharistie, die wir nicht leben würden ohne das Bewusstsein, dass sie weit über unsere Mauern und unser Zuhause hinausgeht.
Vor einigen Tagen hat uns ein Pressezeugnis sehr stark begleitet: Mitglieder des Krankenhauspersonals bezeugen die Gewalt von Covid-19 und die Schwierigkeit der Situation. Eine Krankenschwester erzählt, dass sie einen 48-jährigen Mann ins Krankenhaus gebracht hat: "Ich habe ihn in ein künstliches Koma versetzt und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Der Mann weinte, bevor er seine Augen schloss. Nicht, weil er Angst hatte, sondern weil er allein war. Seine Frau und seine 6 Kinder durften ihn nicht besuchen. Er sagte mir: "So also wird mein Tod sein. Allein im Krankenhaus, ohne meine Kinder um mich herum und drei Personen bei meiner Beerdigung". Ich habe ihm versprochen, alles zu tun, damit er die Augen wieder aufmacht. Er verstarb heute Abend um 19:50 Uhr."
Ein Schrei in der Mitte von so vielen anderen. Nur einen Steinwurf von uns entfernt beendet eine Krankenschwester des Universitätskrankenhauses von Besançon ihren Appell an die Verantwortung aller mit den Worten: "... die, die sterben, tun dies allein. Das letzte Bild, das sie haben, bevor sie in Schlaf versetzt, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder aufwachen werden, sind wir, verkleidet als Kosmonauten".
Ein Protestschrei erhebt sich in unseren Herzen. Wie Olivier und viele von Euch habe ich das Buch von Florin CALLERAND "Regarde donc tout avec moi : Le drame du monde" (Schaut alles mit mir an: Das Drama der Welt) aufgegriffen. Die Einleitung von Françoise Porte nach dem 11. September 2001 klingt mit brennender Aktualität: "Gott wird auf die Anklagebank gesetzt: Warum lässt Er all dies zu? Es ist die ewige Frage, die gestellt wird. Ist er schuldig? Die ganze Welt stellt sich alle möglichen Fragen, die bisher noch gar nicht in den Sinn gekommen sind, und das ist gut so, aber wo sind die Antworten? Natürlich gibt es angesichts eines solchen Dramas keine fertigen Antworten, aber Schweigen wäre auch unpassend oder rätselhaft". Damit wir nicht schweigen, bieten wir Ihnen diesen Text von Florin an, der 1994 nach dem Fährunglück der Estonia in der Ostsee, bei dem 800 Passagiere ums Leben kamen, geschrieben wurde.
Die kommende Karwoche wird wirklich ein Fest in und mit der Welt sein. Wir werden es mit Euch leben, und wir werden Euch in diesem Blog vom Palmsonntag wieder treffen.
Danièle Valès
Text ins Deutsche übersetzt von Michèle, Bernd Becker und Gabriele Socher-Schulz
Die Glocke des Goldenen Felsens läutete an diesem Mittwoch, dem 25. März, um 19.30 Uhr, im Einklang mit Glocken aus aller Welt, dem Ruf des Papstes folgend... im Schein der Laternen!
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