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Es ist unmöglich, den glückseligen Ausbruch aus dem Munde Jesu in der Seligpreisung der Armut im Sinne der Frohbotschaft zu hören, ohne eine Verbindung mit dem Anruf herzustellen, der aus dem Munde Mariens in deren "Magnificat" entspringt, wenn sie jauchzt, sie frohlocke in Gott, ihrem Erretter, weil Er auf die Armut seiner Magd geschaut hat.
Die israelitische Seele ist eine Seele des Verlangens, des unendlichen, unersättlichen Verlangens. Was die Hoffnung Mariens kennzeichnet, ist, in diesem Sinn, deren Verlangen und Rufen nach einem Reichtum, der jegliche Armut weit über alle Erwartung hinaus ausfüllen wird. "Der Bedürftige ruft, heißt es sehr oft in den Psalmen, und Gott antwortet!" Die Antwort entspricht der Intensität des Rufens. Die Erfüllung nimmt die Form des Hohlraums an, der sich öffnet, um gefüllt zu werden. So ist das Herz Mariens: "Oh Gott, Du hast mich unersättlich erschaffen, weil Du unerschöpflich bist!" Das Sehnen dieser Tochter Israels ist "arm", das heißt aufnahmebereit, im Ausmaß desjenigen, der sie erschaffen hat, damit Er sie von Ihm zu erfüllen suche. Hier findet sich das Geheimnis des Herzens Mariens, die die Unbefleckte, die Unbegrenzte oder die gleichsam Unbegrenzte im Verlangen nach dem Messias Gottes genannt wird. Sie ist wahrhaftig eine Tochter Abrahams, ja weit mehr.
Weit davon entfernt, sich selbst aus falscher Demut zu verkennen, weiß diese Tochter Israels, dass sie in den Augen Gottes hohes Ansehen hat, weil sie ihn wider alle Vernunft und für immer begehrt. Einzig die Großherzigkeit, die Beschaffenheit der Träume und der Pläne können demjenigen, der sie hegt, die wahre Schönheit und Güte eines sich aufschwingenden Lebens offenbaren. Denn diese unermesslichen Träume und Sehnsüchte können im Herzen nur mit der Eingebung eines Gottes wachsen, der vorhat, sie zu verwirklichen. So steht es um alle Berufungen der Heiligen!
Maria besitzt aber schon, in der unermesslichen Tiefe ihres Verlangens nach Gott, einen Schatz, den keiner der sie umgebenden gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Mächtigen kennt. Sie ist es, deren Hände voll sind, und jene stehen mit leeren Händen da. Der Ausdruck "Das Himmelreich" meint, Gott herrsche über Maria und sie über Gott. Der König und die Königin haben sich gefunden. Eine kühne Intimität geteilten Lebens einigt sie. Die brennendsten gegenseitigen Liebeserklärungen des Hohenliedes werden in ihrem Herzen gesungen... "Freue Dich, meine Schöne, Dein Herr ist mit Dir!" Dieser tiefe Austausch entbindet Maria nicht vom täglichen Überlebenskampf. Sie findet die Worte, um zu Bernadette zu sprechen oder sie spüren zu lassen, was die Glückseligkeit in dieser "anderen" Welt ist. Das kleine Mädchen von Lourdes war auch eine "Arme Gottes". Sie war eine Seele voll Verlangen und wurde heimgesucht.
Wenn Maria in sich selber schaut und dem lauscht, was aus der tiefsten Tiefe, die sie nicht sehen kann, aufsteigt – denn sie ist sich nicht ihr eigener Ursprung -, entdeckt sie, dass Jemand ihr vorangeht und sie existieren lässt. Jemand, der ihr gegenüber ganz aus Großzügigkeit handelt, der sie mit Leben beschenkt, ohne dass etwas ihrerseits es fordern oder verdienen könnte. Diesem unsichtbaren Antlitz in ihr, das sie anschaut und seinen eigenen Atem mit dem Ihrigen teilt, spürt sie ihr Herz "danke" sagen und gleichsam ihm, von innen, entgegeneilen! Sie möchte Ihm in einem Kuss den Atem zurückgeben, den Er in ihr aufsteigen lässt…
"Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter...
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut…"
Maria kann ihren Gott nur vermittelst ihrer selbst wirklich kennen, getreulich dem, was Er aus ihr macht, indem Er sie befähigt, sie selbst zu sein! Sie erfährt sich selbst als intelligente, freie, feinfühlige, klare, reine, fröhliche, mutige Person. Ich stelle mir gerne vor, dass Maria es liebte, ohne falsche Demut und Scham sich die Herrlichkeiten des Lebens, die ihr Schöpfer ihr schenkte, vor Augen zu halten.
Père Laberthonnière meinte, "indem wir in uns, in unser Innerstes schauen, könnten wir den Weg zu Gott finden."
Wenn Maria eine Vorstellung von Gott hat, so wird sie durch das Meisterwerk, das Er aus ihr macht, unterrichtet! Wie sollte sie nicht spüren, dass ihr ganzes Wesen, das sie wahrnimmt, in Ihm selbst Vorbild und Stütze findet, der es ihr schenkt! Nun wird sie von dem, der sie von Anfang an schaut, ins Dasein geworfen. Sie verdankt Ihm alles, nämlich das Wertvollste: Ihre Freiheit, ihre Persönlichkeit, ihre Autonomie, ihre Lebenskraft, die sie nach Belieben lenken kann... Sollte sich, entgegen aller Vorstellung, die Liebe, die sie erschaffen hat, von ihr abwenden, sähe man sie nicht nur wie ein armes, verlassenes Mädchen, sondern sie würde jäh ins Nichts versinken. Nun aber besteht dafür keine Gefahr. Hat man je gesehen, dass die Sonne vergessen hätte, ihre Strahlen auszusenden... Maria hört aufs Neue die Worte des Propheten Jesaja:
"Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht." (Jesaja 49,15)
Maria, Magd Gottes, welches ist nicht die Fülle deines Erkennens, deiner Empfindungen, deinesWissens, deiner Anstrengungen und Kämpfe, ja gar deiner Schmerzen! Ich fühle wohl, dass ich nie aufhören werde, die Psalmen und die Seiten des Buches der Weisheit durchzublättern, um mich an deiner Armut zu bereichern, Maria, die du um Gott-mit-dir weißt und die du mit Ihm in der Abendbrise wandelst, im grenzenlosen Garten, den Er dir zum Erbe schenkt!
Florin Callerand, 14. Januar 1991
In "Maria mein Geheimnis", S.58...84
Text ins Deutsche übersetzt von Marie-Françoise CHRISTEN
"Petits chemins de lumière", CD Tissage d'or 6 (Communauté de la Roche d'or)
Um den Text des Liedes zu sehen "Petits chemins de lumière"
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