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Blog von La Roche d'Or

Blog von La Roche d'Or

Gemeinschaft Roche d'Or in Besançon und Fontanilles

Veröffentlicht am von P. Olivier Sournia
Veröffentlicht in : #Texte von Olivier

Als Jesus die Menschenmengen sah, war er tief bewegt, denn sie waren hilflos und niedergeschlagen wie Schafe ohne Hirten. So sagte er zu seinen Jüngern: "Die Ernte ist reichlich, aber es gibt nur wenige Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte aussende" (Mt 9,36-38) ... Dann rief Jesus seine zwölf Jünger zu sich und sandte sie zu zweit aus.

Jesus sieht die Menschenmenge, er schaut die Menschenmenge an... Und Matthäus erzählt uns, dass Jesus beim Anblick der Menschenmenge zutiefst bewegt ist. Zu keinem Zeitpunkt sehen wir bei Jesus eine Art Gleichgültigkeit, eine Unempfindlichkeit, wir sehen nur seine unmittelbare Reaktion auf die Menschen. Hier, im Angesicht der Menge, wird Jesus in die Zange genommen, in den Bauch genommen, könnte man sagen. Das griechische Wort bedeutet "das Umstülpen der Gebärmutter im Bauch einer Frau". Und das ist es, was über Jesus gesagt wird. Es ist das stärkste Wort, um die Erschütterung eines Wesens zu übersetzen, das wie eine Frau ist, die ihr Kind leiden oder sterben sieht und die in der Tiefe ihres Wesens erschüttert ist.

Und dort, als Jesus die Menschenmengen sieht - und durch die Menschenmengen ist es die Menschheit, ist es die Welt -, ist er von einer Berührung ergriffen, einer Wendung des Herzens, die unermesslich ist. Er sieht, dass er es nicht mit einem Volk zu tun hat, einem Volk, das von einem Hirten geführt wird, sondern mit einer Masse von Menschen, mit diesen Menschenmassen, die da sind und die überall hingehen, in alle Richtungen, die niedergeschlagen sind, verzweifelt, weil sie keinen Hirten haben. Sie haben keinen Hirten! Angesichts dieser Tatsache erlebt Jesus eine tiefe Erschütterung, die sich als intensiver Schmerz, gemischt mit Wut, darstellt.

Warum sage ich Wut? Denn sobald wir in der Bibel diesen Ausdruck finden: "Sie haben keinen Hirten", wird der jüdische Leser oder derjenige, der das Alte Testament gut kennt, sofort auf den Zorn des Propheten Hesekiel (Hesekiel 34) und auf den anderer Propheten wie Jeremia (Jeremia 23) hingewiesen. Sie bringen den schmerzlichen Zorn Gottes zum Ausdruck, der sagt: "Die Hirten Israels sind falsche Hirten, sie haben mein Volk im Stich gelassen, sie sind auf dem Rücken der Schafe fett geworden, sie haben sie ausgeplündert, um ihre eigenen Bäuche zu füttern, sie haben nicht gezeigt, wo Gott ist. Sie haben sich nicht gezeigt und das Volk stirbt wegen der schäbigen Verlassenheit durch die Hirten Israels“. Sowohl bei Ezechiel als auch bei Jeremia antwortet Gott, indem er ankündigt, dass er selbst kommen wird, um sich um seine Schafe zu kümmern, insbesondere um die schwächsten und verwundbarsten.

Da ist ein Zorn, ein prophetischer Zorn, und wenn wir ihn mit diesem Wort verbinden, das die Emotion Jesu vor der Menge beschreibt, dann ist es der Zorn einer Mutter, die sieht, dass ihr Kind verletzt wird, dass ihr Kind verloren geht. Jesus steht also vor der Menschenmenge und sieht, dass man ihr nicht gezeigt hat, wo Gott ist, dass man es ihr nicht gesagt hat. Er sieht die immense Arbeit, die geleistet werden muss, um die gesamte Menschheit zusammenzubringen. Und genau daraus entsteht die Aussendung zur Mission, daraus entsteht das apostolische Amt. Die Aussendung Jesu, die Aussendung der Jünger, die Aussendung der Apostel, die Aussendung von uns allen heute, die Aussendung der getauften Christen, die Aussendung derer, die an einem Amt beteiligt sind, der Priester, der Diakone, der Bischöfe... Diese Aussendung kann heute nur "aus der Quelle" geboren und ausgeübt werden, verwurzelt in diesem Schmerz des Leibes Christi. Wenn es so etwas nicht gibt, gibt es nur Funktionalismus, kalte Verwaltung, flache Animation: Wir tun unser Bestes, um die Möbel zu retten...

Deshalb brauchen wir heute, in einer Zeit, in der die Kirche sehr erschüttert wird und die Christen durch die jüngsten Enthüllungen zutiefst erschüttert sind, die Herzen der Pastoren, wir brauchen ein Wort, das die Wahrheit, die Realität, ohne jeden Zweifel ausspricht. Aber das Volk darf nicht hilflos und niedergeschlagen zurückgelassen werden wie Schafe ohne Hirten! Man muss sagen, wo Gott ist, man darf nicht einfach katastrophale Beobachtungen machen, die wirklich schrecklich sind. Aber man muss sagen, wo Gott ist! Was wird aus dem Volk Gottes, wenn man hilflos bleibt, als ob man Gott nicht in unserem Leben hätte, als ob es keinen Christus in unserem Leben gäbe? Man muss sich im Evangelium sammeln. Man darf das Evangelium nicht verlassen, man muss darin bleiben!

Natürlich haben wir als Christen, als Seelsorger, eine Verantwortung, auch wenn einige von uns anderen, insbesondere Kindern, Grausamkeiten angetan haben. Aber wir haben die Verantwortung, nicht nur anzuerkennen, was geschehen ist, sondern auch die Kraft des Evangeliums zu nutzen, die Kraft des Heiligen Geistes, die Kraft Christi, der ein Volk sammelt, der es weiterführt, der ihm sagt, wo Gott ist, der uns mit der verwandelnden Quelle der brennenden Liebe unseres Vaters in Verbindung bringt! Und wenn man nicht dorthin geht, wird man verwässert, man versinkt in morbiden Schuldgefühlen, wässriger Rhetorik oder unerbittlicher Rachsucht.

Hier sehen wir, wie Jesus seine Jünger in die Verkündigung schickt. Er schickt sie nicht um Propaganda zu machen, indem er sagt: "Ihr müsst so über Gott reden, wie ich über Gott rede. Hier ist ein neuer theologischer Gedanke" oder was auch immer... Nein. Die Aussendung entsteht aus dem Schmerz Jesu angesichts einer katastrophalen Situation, dem Schmerz einer unermesslichen und kraftvollen mütterlichen Zärtlichkeit! Und das ist die Quelle des Dienstes, die Quelle des Zeugnisses, eines Zeugnisses, das für alle Christen, die Jesus Christus in ihrem Bauch haben, erreichbar ist! Wir müssen nicht zu einer Institution werden, die ihr Image schützen muss. Wir sind getaufte Männer und Frauen, die von Christus gefangen, von ihm ergriffen worden sind. Wenn man das nicht spürt, ist das die offene Tür zu allen Abwegen und allen Auflösungen.

Als Jesus die Menschenmenge sah, sagte er zu seinen Jüngern: "Die Ernte ist reichlich". Es ist ein Euphemismus... Was Jesus vor Augen hat, ist gigantisch. Dieser kleine Mann aus Nazareth, ein kleines menschliches Wesen, ein menschgewordener Gott, der sich mit ganzem Herzen in die menschliche Existenz stürzt... Eine Existenz von dreiunddreißig, maximal sechsunddreißig Lebensjahren. Drei Jahre intensiver Tätigkeit, nur zweieinhalb Jahre, in denen die ganze Welt, die ganze Menschheit, die kommenden Generationen betroffen sind... Was ist es, das im Herzen Christi brennt, das ihn veranlasst, sich sofort auf diese Ernte, dieses gigantische Unterfangen einzulassen? Das ist unerhört! Es ist ein echter Wahnsinn, der Wahnsinn einer brennenden Liebe, Jesus ist zurück in den Tiefen seines unermesslichen menschlichen Schmerzes !

"Die Ernte ist reichlich, aber es gibt nur wenige Arbeiter". Das war schon immer so... Ärgern Sie sich nicht über den Mangel an Berufungen. Es ist eine falsche Frage: Jesus ging allein mit einem Dutzend Männlein dorthin, die - weil sie ja die Apostel waren - kaum kluger waren als wir!

Olivier Sournia
Samstag, 9. Oktober 2021

 

Text ins Deutsche übersetzt von Michèle, Bernd Becker und Gabriele Socher-Schulz