Overblog Alle Blogs Top-Blogs Religion & Glauben
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU
Blog von La Roche d'Or

Blog von La Roche d'Or

Gemeinschaft Roche d'Or in Besançon und Fontanilles

Veröffentlicht am von P. Florin Callerand
Veröffentlicht in : #Texte von Florin

In einer Zeit des Dramas, das unsere Welt erfasst, kann dieser 1985 geschriebene Text von Florin Callerand ein tiefer Trost sein. Nach dem Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz am 14. November 1985, der riesige Schlammlawinen auslöste, ist Florin schockiert über das im Fernsehen ausgestrahlte Bild dieses kleinen Mädchens, das im Schlamm gefangen ist und ihren Lebensdurst herausschreit: Ein Schrei der Menschen, ein Schrei Gottes!

 

Niemand hat sich dieser Tage dem Einfluss der Massenmedien entziehen können (es war im Jahr 1985). Die grausamen Fernsehbilder zeigten uns dieses Schlammmeer nach dem Vulkanausbruch in Kolumbien und das schreckliche Bild dieses kleinen, im Schlamm gefangenen Mädchens, das diese absolut erschütternden Worte, vor unseren Augen, schrie: "Mama, ich weiß, dass du mich hörst! Mama, ich weiß, dass du mich liebst! Mama, ich will leben! Ich weiß, du hörst mich! Ich will leben, ich will laufen, Mama! Mama!..."

Aber wo war denn seine Mutter? Wo war sie? Im Schlamm, darunter begraben, tot! Sein Vater? Tot! Sein Bruder? Tot! Das Mädchen, die einzige obenauf Schwimmende in dieser Schlammmasse! Woher kommen diese Worte, woher kommt dieser Schrei? "Ich will leben! Ich weiß, dass du mich liebst!"

Arme Kleine! Nein! Grosse Kleine! Ganz große Kleine, vom Heiligen Geist erfüllt! Es ist das Gebet Gottes, das in ihr aufsteigt. Es ist das Gebet Gottes, der mit ihr leidet, der mit ihr das Drama der Existenz der ersten Schöpfung trägt, die unterwegs zur zweiten Schöpfung ist, der Auferstehung!

Wo ist eigentlich Gott? Doch im Schlamm, mit den Opfern!

Gott leidet an allem, was seiner Schöpfung in ihrer Bedingtheit zustößt. Aber er lässt sie nicht im Stich, er verlässt sie nicht… Und so sind all diejenigen, die man tot wähnt, Lebende…

Spricht man von den Naturschönheiten,von der Offenbarung Gottes, sagt man: "Deine Hand führt mich, deine Rechte erfasst mich!" Aber die Bedrohung schwebt in jedem Augenblick über uns alle.

Daher ist es von größter Wichtigkeit,nie abzuheben und in den Ereignissen gut zu erspüren, wer Gott eigentlich ist: Nie darf die Vorderseite ohne die Rückseite, noch die Kehrseite ohne die Vorderseite betrachtet werden. Das ist der große Irrtum. Der Atheist fixiert sich so sehr auf die Rückseite, dass er brüllt: "Es gibt keinen Gott

in dieser Geschichte! Die Schlammlawine! All diese ertrunkenen Kinder! Gott ist ein Ungeheuer, oder er existiert nicht. Seht die Katastrophen! Das ist der Beweis!" Tatsächlich, wenn ich an der Rückseite haften bleibe, geht alles den Bach hinunter.

Halten wir uns hingegen allein auf der Vorderseite auf, werden wir die Herrlichkeiten der Natur, die Bäume, den Widerschein der flammenden Büsche in den grünen Tannen betrachten. Und wir werden darin verharren, ins immaterielle Spirituelle enteilen und alles Übrige vergessen.

Man muss das Ganze nehmen und sich an diesen Gott heften, der auf der Vorder-und Rückseite offenbar wird. Dann entdecken wir einen Gott, der nicht der vermeintlich"Allmächtige" ist, der tut, was er kann, der mitgeht, und der erschüttert untröstlich ist. Hier hat die Geschichte in Kolumbien Nachwirkungen im Himmel. Das ist eine gewaltige Angelegenheit! Allerdings ist man im Himmel fähig, die Vorder- und Rückseite gleichzeitig anzuschauen. Warum? Weil es das Fortschreiten der Evolution gibt, das bewirkt, dass Gott sie begleitet und seiner selbst sicher ist, angesichts der Liebe, die die Drei Personen füreinander hegen. Er ist gewiss, dass er es schaffen wird, dass er alle Geschöpfe aus der Rückseite herausziehen wird, um in die Herrlichkeit der Liebe in Ewigkeit einzutreten. Dann wird sich der Übergang vom Endlichen, Begrenzten zum Unendlichen, zum Unbegrenzten vollziehen. Es vollzieht sich bereits.

Um uns zu zeigen, dass es genau darum geht, hat sich Gott in den Zustand der Begrenztheit, der Endlichkeit begeben.

Und am Abend des Gründonnerstags, des Karfreitags, hat er seine Schlammlawine auch gehabt!

Wie hat er sich darin aufgeführt? Er hat um sich geschlagen, denn der Schlamm drang ihm in die Nase, in den Mund… All dieses Atemringen in der Schlammlawine! Und Jesus am Kreuz geht der Atem aus, er schreit und geht in Auferstehung über, tritt durch dieses Licht wieder zutage, das tief in uns aufscheint und uns sagt: "Meine Hand hält dich! Ich bin mit dir! Fürchte dich nicht! Wir gehen da zusammen hindurch!"

Und die Ewigkeit ist in der Schlammlawine, dort, an den Ufern des Rio Magdalena. Hier drinnen schafft es Gott, sich nicht etwa über dieses Leiden zu freuen (das käme einem grauenvollen Sadismus gleich), sondern darin hindurch zu gehen und in der Auferstehung alle diese Wesen aufzunehmen, die vom Schlamm überspült wurden, ganz so, wie sein Sohn in der Auferstehung aufgenommen wird, als er vom Schlamm seiner Passion und seines Todeskampfs am Kreuz überflutet wurde.

Jesus am Kreuz ist in einer schrecklich ungerechten Situation, aber nicht mehr als die Leute in Kolumbien! Man soll uns nicht erzählen, Christus habe mehr als manche Menschen auf der Erde gelitten. Das ist nicht wahr! Dass Maria mehr als manche Frauen auf der Erde gelitten hat, ist überhaupt nicht wahr! Sie – Jesus und Maria - haben gelitten

Aber es gibt Männer und Frauen, die mehr gelitten haben, zumindest physisch. Psychisch, das ist eine andere Frage. Das seelische Leiden misst sich an der Fähigkeit, die Dinge mit den Augen der Liebe zu erfassen. Das ist etwas Anderes! "Meint ihr denn," sagt Jesus "euer Vater werde seinen Geliebten keine Gerechtigkeit widerfahren lassen…?" All diejenigen, die im Schlamm sind, sind seine "Geliebten". Glaubt ihr, er werde ihnen keine Gerechtigkeit widerfahren lassen im Verborgenen, tief im Herzen?

Das Gottvertrauen ist der Schrei Jesu am Kreuz. "Vater, meinen Geist in deine Hände, werde du damit fertig…" Genau das sagen wir für alle Menschen, im Namen aller Menschen. Es ist die Tollkühnheit unseres Zeugnisses. Das ist wesentlicher Teil unseres Auftrags…

Geht man all diese Dinge nicht an, ist man vor der Not in der Welt verloren. Angesichts des Kriegs, angesichts der Geschehnisse im Libanon, überall… Glaubt ihr, euer Vater werde zagen? Ja, sicher, die endzeitliche Auferstehung, aber unterdessen braucht es eine sofortige Antwort!

Der Sämann sagt: "Das ist doch verrückt, einen Samen in die Erde zu stecken, der verfaulen wird…!" Sieh doch: "Hier ist die Ernte, die daraus erwachsen wird…" Und deshalb lässt sich Gott nicht aufhalten von der Blickrichtung auf Leiden, Unglück, Kriege, Vulkanausbrüche, völlige Vernichtung, Flutwellen…

Dann wird man immer einwenden: "Ja aber, hätte er nicht andere Mittel zur Verwirklichung seines Zieles finden können, die wirtschaftlicher, weniger schmerzhaft und dramatisch gewesen wären…? Was hat es sich gelohnt, in Bethlehem zur Welt zu kommen, um dann am Kreuz zu enden!“ Gott wusste sehr wohl, was man seinem Sohn antun würde, unabhängig davon, was unter Allwissenheit verstanden wird. Ganz einfach deshalb, weil Er gesehen hatte, wie alle Propheten mundtot gemacht wurden…Wenn also der Sohn den Propheten nachschlägt, wird er auch dran kommen, das ist sicher! Wenn Jesus zur Zeit der Perser gekommen wäre, hätte man ihn gepfählt… Zur Zeit der Römer, das war sicher, würde er gekreuzigt werden! Gott wusste es sehr wohl. Das hat ihn nicht abgehalten. Es gibt keinen anderen Weg als denjenigen, der in die Auferstehung führt, mit allen Risiken, die die Freiheit des Einzelnen und sämtlicher Freiheiten zusammen genommen bedingen.

"Herrlichkeit und Leiden dieser Welt stehen in keinem Verhältnis…“ Das ist es, was Gott ermutigt, sich in das Abenteuer zu stürzen. Darum ist die Gerechtigkeit Gottes, in der Schlammgrube in Kolumbien, am Werk.

Ohne die christliche Betrachtung kann keine Lyrik standhalten! Rabenmutter Natur! Kein Gedicht kann standhalten!

Mit einem Haufen großartiger herbstlicher Visionen kommt man zurück, und dann werden einem mit einem Schlag diese grauenvollen Dinge im Fernsehen vorgesetzt! Ohne eine „gewisse Sicht“, ohne die Offenbarung eines leidenden Gottes und eines Gottes, der einen in die Auferstehung mitreißt, bleibt nur die Verzweiflung!

Wenn Gott „All-Macht“ ist, ist der Atheismus die richtige, gesunde, würdige, edle, normale Reaktion. Wenn Gott Liebe ist, dann gibt es, jenseits des Schlammes, die Herrlichkeit der Auferstehung, weil Gott im Schlamm ist. Er leidet wie seine Geschöpfe, und mit ihnen.

Wie dem auch sei, ist der prächtige Herbst ein Todeskampf in Schönheit. Wenn es morgen keinen Frühling gibt, dann war es wirklich nicht der Mühe wert, den prächtigen Herbst zu erleben, und den Sommer, und dann den diesjährigen Frühling.

Schon hier spürt man es. In der Herbstpracht muss daher unsere Poesie mit der Evolution in Übereinstimmung gebracht werden, kraft des Glaubens („Habt Mut, ich habe die Welt besiegt!“ Johannes 16,33 – „Unser Sieg ist unser Glaube!“ Johannes 5,4). Ohne diese Lesart eines Gottes, der in und mit der Evolution ist, ist es unerträglich. Die zwei Seiten der Medaille Kopf und Zahl sind beide zur Verklärung berufen.

Ohne diese Perspektive ist „der Schlamm in Kolumbien“ absolut zum Verzweifeln!

_________________________________________

Florin Callerand, «Das Drama der Welt», © 2012, p.27
Text ins Deutsche übersetzt von
Marie-Françoise CHRISTEN