Wir haben uns entschieden, Sie am Morgen dieses sehr kommerziellen Feiertags, dem Muttertag, „zu besuchen“. Fernab von Blumensträußen, Zeichnungen und Objekten aus Salzteig möchten wir uns Ihnen mit diesem Text von Françoise PORTE anschließen, der einige Monate nach dem Tod ihrer Mutter verfasst wurde. Dieser sehr bewegende Text hat viele von Ihnen bereits bei dem großen Heimgang ihrer Mutter begleitet.
"Hommage à une Mère" (Huldigung an eine Mutter), von dem wir Ihnen große Auszüge anbieten, wurde erstmals für den Rundbrief 2012 geschrieben. Wir haben daraus ein kleines Heftchen zusammengestellt, das wir ständig neu herausgeben, weil diese einfachen Worte, die in einer Menschlichkeit der Gnade vibrieren, die Herzen berühren. Diese besonderen Zeiten, die wir durchleben, haben uns alle an die Quelle unseres Lebens zurückgebracht und laden uns ein, unsere Beziehungen zu überdenken und die Momente aus zu kosten, die uns gegeben sind, um mit unseren Lieben zu leben. Möge Maria diejenigen, die eine solche Stunde erleben oder diese Monate der Prüfung erlebt haben, anhand dieser Zeilen begleiten.
Danièle Valès

18. April 2011, morgens um 5 Uhr 20. Von meinem Balkon aus, wohin es mich buchstäblich hingezogen hatte, sah ich im Westen den Mond untergehen. Seine Wangen waren von der im Osten aufgehenden Sonne zart gerötet. Ich hatte meinen Fotoapparat zur Hand. Kaum hatte ich mich aber « Oh! » ausrufen hören, löste sich der volle Mond im leicht bläulich angehauchten Himmel auf… Ich ahnte ihn in der Ferne. Trotz meines angestrengten Blicks am Ort der überaus sachten Erscheinung war sie ganz natürlich und mit viel Anmut aus meiner Sicht entschwunden. Vergebens fixierte ich den Ort, wo ich ihn vermutete, ich sah ihn nicht mehr. Ich ließ meinen Arm fallen. Eben hatte ich begriffen, dass sich « das Geheimnis » nicht ergreifen, nicht einfangen lässt. Vielmehr ist es das Geheimnis, das einen erfasst und leitet. Meine Augen, durchzogen von einem Schleier eigentümlich gelassener Tränen, richteten sich langsam gegen Osten und entdeckten am Horizont eine rote, sich an der Meeresoberfläche schmiegende Linie, deren sanfte Wellen sich anmutig auf den Sand niederließen.
Dieser Augenblick wird unauslöschlich mit dem erschütternden Augenblick des „Heimgangs“ meiner Mutter verbunden sein, die ich am vergangenen 13. März in den Himmel „versinken“ sah, mit der gleichen unauffälligen und schlichten Eleganz dieses rosigen Mondes, der sich in der noch milchigen und doch unerhört durchsichtigen Wolke aufgelöst hatte. Wie um zu betonen, was ich gerade geschrieben hatte, setzten sich zwei Tauben einige Sekunden lang auf mein Balkongeländer, bevor sie wie der Mond in die Weite entflogen. Dies bleibt tief in meinem Herzen haften! Hier halte ich es für notwendig klarzustellen, dass mir romantisches Schwelgen nicht liegt und ich in keiner Weise dem Glauben an die Reinkarnation anhänge.
Was ich soeben klar gesehen habe ist einfach, dass es keine Trennungslinie zwischen Erde und Himmel gibt. Einzig die Nicht-Dualisten, die „die Gott in der Wirklichkeit sehen“ (wie es Florin gerne unterstrich), könnten die mystische Dimension dieses schlichten morgendlichen Erlebnisses erfassen.
Als ich anderntags zur Feder griff, ging mir beim Erwachen auf, was ich am Vortag nicht erfasst hatte: im Besuch meiner zwei Tauben war mir auf erleuchtende Weise die mystische Vereinigung meiner Eltern im Himmel bestätigt worden, eben die, welche ich am Begräbnistag mit der Lesung eines Verses des Hohelieds feiern wollte: „Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die duftenden Blumen.“ Ja, zwei Tauben, und nicht eine allein, was schon viel gewesen wäre! Mir kommt der Satz in den Sinn, den mir M.H.M. auf der allerletzten Seite meines Gästebuchs geschrieben hat, als ich um die Zwanziger war: „Gott wartet dort, wo die Wurzeln sind.“ Erst heute ist es mir gegeben, ihn zu verstehen. Über vierzig Jahre werde ich gebraucht haben, um mir das Wort, das Marthe Robin damals an mich gerichtet hatte, endlich „anzueignen“: „Oh, meine Kleine, du wirst bis in Deine tiefsten Wurzeln dringen müssen.“
Das seit je in mir innewohnende Gefühl, eine Entwurzelte zu sein, ist genau seit der langwierigen Agonie meiner so klugen und klarsichtigen Mutter verschwunden. Bis zuletzt hat sie es mit sanfter und inniger Ausdauer verstanden, mir eine unter die Haut gehende Gewissheit zu verleihen – was ich nie begriffen hatte –, ich werde auf dieser Welt nie allein sein. Ich vernehme ihren einzigen, unablässigen und wie in einem Hauch ausgestoßenen Schrei, weil tausend Mal und allmählich kaum noch vernehmbar, aber mit einer Innigkeit des Blicks wiederholt: „Mein-geliebtes- Töchterchen!“ Und wenn ich ergänze, dass sich noch während ich diesen Satz schreibe „eine“ Taube auf meinen Balkon gesetzt hat, wird man mich unvermeidlich für verrückt halten! Die Zeichen sehen, ein von ‘Angesicht-in- Angesicht‘ mit dem Himmel auf Erden leben, kann nur durch göttliche Gnade geschehen. Wie wahr sind die Worte der kleinen Bäuerin, die ich weiter oben zitiert habe: „Nicht, wenn ihr die Zeichen seht, werdet ihr glauben, sondern wenn ihr glaubt, werdet ihr die Zeichen sehen.“ Ja, ich „glaube“!
Gerade weil mir der Schmerz über den leiblichen Tod die Tränen nicht erspart hat, habe ich mit umso größerer Glückseligkeit diese „Heimsuchung im Herzen“ verspürt, die mich beide so nahe werden ließen! Solchermaßen hingerissen von einer doch so sachten Erfahrung, schien es mir gut, sie denjenigen weiterzugeben, die die endgültige Trennung fürchten oder unter dem unentrinnbaren Entrissen-Werden leiden.
Wie gut verstehe ich dieses so häufig empfundene Entsetzen, bis ich mich selbst mit diesem „Unentrinnbaren“ ausgesetzt sah. Gleichzeitig mit der Verletzung verspürte ich die Liebkosung einer unsichtbaren, aber wirksamen und tätigen Gegenwart. Erquickt einen ein solches Quellwasser, warum etwas Anderes sagen wollen als das, was aus der Tiefe kommt? „Geht Euch in der Quelle waschen“ sagte Maria zu Bernadette. Genau dies erfahre ich, wenn ich euch diese Zeilen schreibe: Es scheint mir, ich würde in großen Zügen das so frische Wasser von Massabielle trinken. Und lachend reiche ich es euch weiter!
Denn es handelt sich doch eigentlich um eine gute Nachricht: der tödliche Schlamm kann die immer sprudelnde Quelle nicht verschütten, die dort hervorspringt, wo man es am wenigsten erwartet hat. Man braucht nur die Erde unserer zähen Ungläubigkeit aufzukratzen. Oh nein! Nicht fern sind die, welche die Oberfläche der Dinge verlassen haben. Ihre verjüngte Seele möchte die unsrige berühren. Aber unsere in Gewohnheiten gefangene und verstaubte Beschränktheit verwehrt es uns, ihre behutsame Berührung zu verspüren, so wahr man einen alten Stoff nicht mit einem neuen zusammennähen kann!
Ich bin mir der unterschwelligen Gefahr äußerst bewusst, wenn ich so rede. Denn meine Redeweise könnte mit der Unmenge so modischer Spiritualitäten aller Art verwechselt werden, die heute den Medienmarkt überfluten. Der Gipfel der Allmachtsfantasien liegt darin, technische Mittel anzupreisen, um den Frieden aus eigener Kraft zu finden, wo es doch ein Anderer ist, der ihn uns schenkt, und wo dieser Frieden, der von Christus kommt, ganz anderer Natur ist. Möchte ich ohne die Auferstehung zurechtkommen wollen, so wird augenfällig, dass ich die Wiederbegegnung von innen her mit den geliebten, vorhin erwähnten Wesen nicht mehr erfahren kann.
Es steht jedoch außer Zweifel, dass viele nichtchristliche Männer und Frauen aufrichtigen Herzens ein gewisses intimes Berührt-Werden mit ihren „Entschwundenen“ erfahren, weil der auferstandene Jesus sie im Verborgenen ihres Herzens etwas Neues erahnen lässt, was sie später werden benennen können. Das nötigt unsere volle Achtung ab. Sie empfangen einen Anfang von Trost. Diese unverfälschten und schlichten Erfahrungen haben jedoch nichts mit den äußerst medienträchtigen parapsychologischen Manipulierungen zu tun.
Ich glaube zutiefst, dass man stirbt wie man gelebt hat und die Vorbereitung auf den Tod sehr früh im Leben beginnt, dank der Fülle eines wahrhaftigen Innenlebens voller Fragestellungen, ohne das das Alter wie ein Schiffbruch erlebt wird. Unsere von Natur aus vergängliche Existenz birgt viel Sinn. Eine gewisse Vertrautheit mit dem nahen oder fernen Horizont des Todes, vorausgesetzt, nie morbid zu sein, ist die Arbeit eines ganzen Lebens!
Ich denke, es bedarf einer gewissen Lebenskunst und hoher Intelligenz, um sich diesen wahrhaft wichtigen Dingen, lächelnd, zuzuwenden. Das ist es, was mich meine Mutter gelehrt hat.
Erst am Ende ihres Lebens habe ich entdeckt, dass sie mir eine große Lebensmeisterin gewesen ist und ich ihr alles verdanke. Ich bin erstmals bewusst mit ihrer Seelengröße konfrontiert worden, als ich meinte, sie mit der Nachricht meiner Krebserkrankung „verschonen“ zu müssen, indem ich ihr die Wahrheit vorenthielt. Sie sah mir gerade in die Augen und sagte: „Deine Krebserkrankung nehme ich hin, nicht aber deine Lügen.“ Verblüfft entdeckte ich, dass sich alles relativiert, wenn sich das hohe Alter in Gelassenheit einstellt. Ich entdeckte auch, dass das, was zuvor großes Entsetzen hätte auslösen können, ganz einfach Lebensschule geworden ist.
Wenn diese gegenüber dem religiösen Milieu recht widerspenstige Frau nicht ihre inneren Ressourcen entwickelt hätte, so wäre ihr Lebensende für sie und ihr Umfeld zur Hölle geworden. Ihr sind weder Orientierungsverluste noch eine unvorstellbare Müdigkeit infolge mehr oder weniger schwerer Schlaganfälle, über Jahre hinweg, erspart geblieben. Ihre Kraftlosigkeit wurde erdrückend. Ihr so großartiges und erstaunliches Gedächtnis ließ nach, aber ihr wacher Geist war immer gegenwärtig, und bis am Vortag ihres Sterbens haben wir mit ihr über die „Dinge des Lebens“ lachen können.
Einige Monate vor ihrem Tod habe ich Perlen aufgegriffen, die ich heute für euch einfädle, denne sie mögen ein ganz und gar trostloses Leben erhellen.
Als ich sie eines Tages fragte, ob sie glücklich sei, antwortete sie mir mit einem breiten Lächeln:
— „Oh! Ja…“ Ich fuhr fort:
— „Langweilst du dich nicht?“
— „Nein, gewiss nicht, nie!“
— „Wie ist es in dir drin?“
— „Es ist ganz golden!“
— „Dann bist du schon mit einem Fuß im Himmel?“
— „Ja, das ist es!“
— „Zwischen Himmel und Erde, gibt es da eine Trennung?“ (Anmerkung: Mama hat nie Exerzitien gemacht!)
— „Aber nein, es ist verknüpft.“
— (Ich stelle mich dumm) – „Aha, es gibt nicht den Himmel auf der einen Seite und die Erde auf der anderen?“
— „Nein nein, es ist alles zusammen.“
— „Ja aber wie weißt du das?“
— „Nun ich habe die Erfahrung, das ist alles!“
— „Am Ende, was verspürt man?“
— „Am Ende möchte man, dass alles schön sei!“
— „So viele Leute denken, das Alter sei der Horror!“
— „Aber nein, es ist nicht der Horror!“ (entrüstet)
— „Weil es die letzte Wegstrecke einer reichen und grundlegenden Erfahrung ist. Das ist es, was ich bei dir sehe.“
— „Du siehst richtig. Es ist genauso, wie du sagst.“
— „Du, leidest du nicht darunter, alt zu werden?“
— „Oh nein! Ich weiß, es ist meine letzte irdische Wegstrecke. Es ist aber die gute Wegstrecke! Ich habe Eile zu gehen!“
Eines Tages blickt sie mich angestrengt und prüfend an: „DU, WER BIST DU?“ Mir schnürt es das Herz zu. Ich frage zurück: „Wer glaubst du, wer ich bin?“ Und in einem Aufschrei antwortet sie mir: „Du bist meine Mutter!“ Der Boden entzieht sich meinen Füssen… Blitzschnell erkenne ich jedoch, dass sie diese Regression in den Zustand eines seiner Mutter bedürftigen Kleinkinds, mit mentalen, in ihre wahrhaftige Kindheit zurück-reichenden Strukturen, zurückgehen lässt. Auf einer tieferen Ebene spüre ich, dass ihre Mutter sie durch meine Vermittlung besucht. Es ist eine tief-greifende Annäherung des Todes.
Dann nehme ich sie in meine Arme und wiege sie. „Ich bin da, mein Töchterchen, Liebes, deine Mutter ist da.“ Ich spüre, dass sie glücklich, ganz befriedet ist. Ich bin buchstäblich geschafft: Ich trauere um meine eigene Mutter, und in meinen Armen halte ich ein kleines Kind. Eine Flut von Zärtlichkeit entströmt aus mir. Ich finde es unbeschreiblich, was wir erleben.
Etwas später ordnet sie mich wieder ein: „Du bist mein geliebtes Töchterchen.“ Es sind die einzigen Worte, die sie bis zum letzten Augenblick wird sprechen können! Oh, wie habe ich diese Worte gewogen! Wie habe ich es geschätzt, dass sie sich an meine Identität zurückerinnert hat! Aber ich ermesse auch, was es bedeutet, einem lieben Menschen das Recht zu geben, sein Gedächtnis zu verlieren. Es ist das Zeichen einer unendlichen Liebe, die die Beziehung für die Ewigkeit besiegelt.
Wiederholt spreche ich sie auf ihren Gedächtnisschwund an, was für sie ein furchtbarer Verlust bedeutet.
— „Du erinnerst dich jetzt nur noch an das Wesentliche. Und wesentlich ist die Erinnerung an Jesus in dir.“
— „Nicht ganz. Es gibt daneben auch ein bisschen noch das Andere.“
— „Eines Tages wird es verschwinden, und du wirst nur noch das Gedächtnis an Jesus haben.“ — „Oh ja, so ist es!“
— „Wenn ich von den Dingen der Seele spreche, verstehst du im Inneren?“
— „JA, innen sehe ich weiträumiger, wenn du zu mir sprichst.“
— „Weiträumiger in deinem ganzen Leben ?“
— „JA, überall weiträumiger!“
— „Weißt du, ich danke Gott, mir eine solche Mutter geschenkt zu haben und mit dir so reden zu können, wie ich mit dir rede. Denn du hast aus mir diejenige gemacht, die ich bin, dass ich mit dir so reden kann an der Schwelle deines Todes! Ich fühle mich geehrt, dir zu gleichen.“
Und Mama antwortet mir auf sehr einfache Weise: „Du hast recht!“ „Wenn ich gestorben bin, wirst du mir gleichwohl gut zuhören müssen!“
An einem anderen Tag finde ich sie regungslos, die Augen ins Leere starrend, abwesend. Ich spreche sie an: „Mama! Wenn es scheint, dass in dir nichts mehr geschieht, so passiert eigentlich etwas, nicht wahr?“ Sie erwacht aus ihrem lethargischen Zustand:
— „Oh! Sag mir noch einmal, was du gerade gesagt hast.“
— „Ich meine, äußerlich gesehen sieht man dich regungslos, unfähig, irgendetwas zu tun oder zu sagen, wie gelähmt. Und doch, tief in dir drinnen ist Bewegung. Es geschieht eine Menge, aber du findest keine Worte dafür.“
Ihr Gesicht leuchtet auf einmal: „Oh! Ja, so ist es! Du hast die Worte.“
— „Und das, was du im Inneren erlebst, sieht niemand von außen.“
— „Doch, Du! Du siehst es!“ Und lächelnd schläft sie wieder ein!
Mein Text wird lang, und ich möchte mich nicht weiter zum Thema äußern, denn der Ausdruck meiner Bewunderung und Dankbarkeit für all diese hochbetagten Personen würde ein ganzes Buch füllen. Es sind Personen, die wie meine Mutter und wie die letztes Jahr verstorbene Mutter von Roger im Zustand absoluten Ausgeliefertseins von Güte gesalbt wurden. Diese Klarsichtigkeit, frisch wie die Kindheit, lässt sie über ihrem unermesslichen Leiden hinaus die helle Seite der Nacht erblicken.

Françoise Porte
Octobre 2011
Auszug aus "Huldigung an eine Mutter"
Text ins Deutsche übersetzt von Marie-Françoise CHRISTEN
"Magnifique est le Seigneur", CD Tissage d'or 5 (Communauté de la Roche d'or)
Um den Text des Liedes zu sehen "Magnifique est le Seigneur !"
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